Ein Gletscher ist eine dicke Eismasse, die sich auf dem Festland (Berg- und Polarregionen) durch Verdichtung und Rekristallisation von Schnee bildet. Gletscher entstehen also nicht nur durch einfaches Abkühlen von Wasser. Zurzeit sind etwa 11% der Landfläche von Gletschern bedeckt (eine Fläche ungefähr so gross wie Afrika), und ihr Gesamtvolumen liegt zwischen 30 und 35 Mio. km3. Die Glaziologie ist die Wissenschaft von Entstehung, Aufbau und
Verbreitung von Gletschern und ihrer Wirkung auf die Morphologie der Erdoberfläche.
Es lassen sich zwei Arten von Gletschern unterschieden:
- kontinentale Eisschilde (Inlandeis)
- Gebirgsgletscher (nur 1% des gesamten Gletschervorkommens)
Gebirgsgletscher lassen sich wiederum zusammenfassend unterteilen in:
- Kargletscher: sind rund oder halbrund und besitzen keine deutlich ausgebildete Gletscherzunge
- Talgletscher: werden lediglich durch eine Firnmulde (Akkumulationsgebiet) und eine Gletscherzunge gebildet
- Vorlandgletscher: bestehen aus zwei oder mehr Firnmulden mit getrennten Gletscherzungen, die zu einer einzigen Gletscherzunge von normalerweise beträchtlichem Ausmass zusammenfliessen
Jeder Gletscher lässt sich im Wesentlichen in drei Bereiche unterteilen. Das Akkumulationsgebiet (Nährgebiet) – der Bereich des Gletschers, in dem sich der gefallene Schnee in Eis verwandelt – wird Firnmulde genannt. Seine untere Grenze wird als Schneegrenze bezeichnet und ändert sich je nach Klima und geographischer Breite. Das Akkumulationsgebiet entspricht in der Regel 60 bis 70% der Oberfläche eines Talgletschers. Die Transportzone ist der Bereich, in dem der Gletscher am mächtigsten ist und in dem die Glazialerosion ihr Maximum erreicht. Und schliesslich das Ablationsgebiet (Zehrgebiet), der untere Bereich des Gletschers, in dem das Eis am dünnsten ist. Die vorhandene Eismasse hängt von der Differenz zwischen Zutrag und Ablation ab: Die Menge gefallenen Schnees, die sich im Laufe eines Jahres ansammelt, muss grösser sein als die Schneemenge, die durch Schmelzen und Verdunstung (d.h. durch den direkten Übergang vom festen in den gasförmigen Zustand) verloren geht.
Schneckentempo
Die Bewegung eines Gletschers ähnelt der einer sehr zähen Flüssigkeit. Je mächtiger der Gletscher und je grösser die Neigung ist, desto schneller gleitet er zu Tal. Gletscher bewegen sich also aufgrund der Schwerkraft, der die Reibung mit dem felsigen Untergrund und die innere Reibung, die durch die Deformationen entsteht, welche die Bewegung des Gletschers erst ermöglichen, entgegenwirken. An den Zungen der grössten Talgletscher wurden Geschwindigkeiten von einigen Dezimetern pro Tag, d.h. von 50 –100 Metern pro Jahr gemessen. In den Fjorden Grönlands und im Himalaya werden jedoch auch höhere Geschwindigkeiten erreicht: dort gibt es Gletscherzungen, die 1 000 –1 500 Meter pro Jahr fliessen.
Der Mensch war schon immer vom Eis fasziniert. Gletscher haben heute eine unbestreitbare Bedeutung für den Tourismus und stellen im Sommer eine äusserst wichtige Quelle für die Speisung von Flüssen und Seen dar, deren Wasser wiederum vom Menschen zu verschiedenen Zwecken (Industrie, Landwirtschaft etc.) genutzt wird.
Zahlen
In den Gletschern sind die atmosphärischen Bedingungen und deren auf den Menschen zurückführbare Veränderungen wie in einem Archiv gespeichert: Der Schnee trägt und bindet Informationen über den atmosphärischen Zustand, die in den Schichten der ewigen Gletscher konserviert werden. Die Antarktisgletscher haben Informationen über atmosphärische Bedingungen gespeichert, die bis zu einer halben Million Jahre zurückreichen. Die in den Alpengletschern gespeicherten Informationen entstammen einem kürzeren und jüngeren Zeitraum.
Der längste Gletscher der Welt ist mit mehr als 160 km Länge der Beardmore-Gletscher in der Antarktis. Mit einer Fläche von 13 586 000 km2 und einer maximalen Dicke von 4 700 m ist das Inlandeis der Antarktis sowohl das flächenmässig grösste als auch das mächtigste. Die grösste Eiskappe ist mit 8 200 km2 die des Austfonna (Spitzbergen). Der grösste Vorlandgletscher ist der Malaspina in Alaska, und der grösste Talgletscher der Alpen ist mit 23,6 km Länge der Aletsch (Schweiz) (Stand: 2002).
Gletscher sind, anders als viele denken mögen, nicht nur ein für den Planeten Erde typisches Phänomen. Beispielsweise wurden auf dem Mars, neben den Polkappen, Spuren von Gletschern gefunden; die Oberflächen der Jupitermonde Ganymed, Kallisto und Europa bestehen aus Wassereis.
Wie wird es im Jahr 2100 um die Gletschern stehen?
Gletscher sind den Auswirkungen der Umweltverschmutzung – durch die der Schnee dunkler wird und dadurch mehr Sonnenlicht absorbiert – und des Anstiegs der Durchschnittstemperatur der Erde besonders ausgesetzt. Das Schmelzen der Gletscher ist die erste Folge hiervon und wird voraussichtlich eine Reihe von Kettenreaktionen nach sich ziehen: Anstieg der Meeresspiegel um 5 mm pro Jahr, Zunahme von klimatischen Phänomenen wie Hochwasser und Überschwemmungen, Abnahme der Süsswassermenge, Verschiebung der borealen Wälder nach Norden, beschleunigte Küstenerosion, Verschwinden des Schnees in den Bergen und des Grönlandeises, Cholera- und Malariaepidemien in den Tropen. Das sind die Folgen, vor denen uns die Wissenschaftler warnen. Studien sagen voraus, dass die arktischen Sommer bis zum Jahr 2100 genauso warm wie während der letzten Zwischeneiszeit vor 13 000 Jahren sein werden.
Ist es bald aus mit den Gletschern?
Schweizer Wissenschaftler gehen davon aus, dass 90% der Alpengletscher bald verschwunden sein werden. Der für die nächsten 50 Jahre vorhergesagte Anstieg der Durchschnittstemperatur um zwei Grad wird durch Erdrutsche, angeschwollene Flüsse und überfliessende Seen das Leben von Millionen Bewohnern der Alpenregion verändern. Laut den letzten Berichten des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimawandel IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Forschungsgruppe für globales Klima der Vereinten Nationen) ist der Grossteil der während der letzten 50 Jahre beobachteten Erwärmung auf den Menschen zurückzuführen.
Es ist auch der Mensch, der bisweilen versucht, den Schmelzprozess aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Berühmt ist das Beispiel des Gurschen ob Andermatt: 2005 hat die Betreibergesellschaft der Bergbahn der Region den Gletscher zum Schutz vor ultravioletter Strahlung mit einem riesigen Vlies abgedeckt. Der Gurschengletscher hat in 15 Jahren 20 m Dicke eingebüsst.